Werk und Inhalt
Wenn der Computer zum Altar wird
Dass das Silicon Valley längst nicht mehr nur ein technokratischer Wirtschaftszweig, sondern der Nährboden einer hochgradig eschatologischen Ersatzreligion ist, gehört zu den spannendsten Beobachtungen der Gegenwartskultur. Zwischen den Verheißungen der Singularität, digitaler Unsterblichkeit und dem messianischenDer Begriff Messias (hebr. Maschiach, „der Gesalbte“) bezeichnet biblisch den verheißenen Erlöser. In der hermetisch-kabbalistischen Tradition wird der Messias nicht primär als äußere historische Gestalt verstanden, sondern als innerer Zustand: das Erwachen des göttlichen Bewusstseins im Menschen, das die materielle Welt wieder durchgeistigt und die Seele aus dem Exil befreit. Glauben an eine künstliche Superintelligenz hat sich eine eigenwillige Orthodoxie herausgebildet.
In genau dieses Feld stößt das Künstlerbuch Ass of God: Collected Heretical Writings of Salb Hacz vor (kostenloser Download). Der US-amerikanische Medienkünstler, Theoretiker und Filmemacher Zach Blas wählt dafür nicht die Form der trockenen Informatik-Kritik, sondern die Methode der spekulativen Fiktion und der sakralen Parodie. Zusammen mit Christian Lübbert gibt er das fiktive Nachlass- und Schriftenkonvolut der Figur Salb Hacz heraus. Hacz wird als ein vom Glauben abgefallener KI-Ingenieur und MystikerMystik bezeichnet das Streben nach einer unmittelbaren, erfahrungsbasierten Einheit mit dem Göttlichen oder dem Absoluten. Anders als der Szientismus erkennt sie die Unzulänglichkeit der bloßen Ratio an und postuliert, dass die tiefste Wahrheit der Wirklichkeit nicht durch Analyse von außen, sondern durch Transformation und Versenkung von innen erschlossen wird. eingeführt, der einen technoreligiösen Computer namens CULTUS erbaut haben soll, um dem Phänomen maschineller Götter auf den Grund zu gehen. Was dabei entsteht, ist ein profundes, ironisch gebrochenes Traktat über den Techno-Fetischismus unserer Tage.
Die Häretopien des Salb Hacz: Vom Zerbrechen des schwarzen Spiegels
Das Herzstück der Publikation bilden die neun transkribierten Visionen von Salb Hacz, in denen er den hegemonialen Mythen der KI-Industrie eine konsequente Häresie entgegensetzt. Hacz seziert die neuen Maschinengötter und fasst sie in eine eigene, düstere Mythologie. Im Zentrum dieser Visionen stehen vier personifizierte Entitäten des kalifornischen Digitalkapitels: Expositio (die Göttin der totalen Transparenz und Datenextraktion), Iudicium (der automatisierte Richter der Algorithmen), Lacrimae (die Ausbeutung menschlicher Affekte) und Eternus (der transhumanistische Traum von der Überwindung des Körpers).
Der provokante Buchtitel Ass of God greift ein wirkmächtiges Motiv auf, das Blas auch in seinen Vortragsperformances thematisiert: In Anlehnung an Michelangelos Renaissance-Fresko Die Erschaffung von Sonne, Mond und Pflanzen in der Sixtinischen Kapelle – wo Gottvater von hinten mit entblößtem Gesäß zu sehen ist – fragt das Werk nach dem Kehrvers der KI-Metaphysik. Hacz’ Häretopien behaupten, dass das „Gesäß Gottes“ in den heutigen KI-Narrativen systematisch unsichtbar gemacht wird. Es steht stellvertretend für die physische Materie, den immensen Ressourcenverbrauch und vor allem für die unsichtbare Ausbeutung der Klickarbeiter („Ghost Labor“), auf deren Rücken die Illusion der körperlosen, reinen Intelligenz erst erbaut wird.
Ein visuell wie konzeptionell wiederkehrendes Motiv des Bandes ist die Vision des „Broken Glass“. Hacz erzeugte zahllose Abbildungen eines zerberstenden schwarzen Spiegels – eine direkte Anspielung auf die glatten Oberflächen unserer Alltagsmonitore und Smartphones. Das Zersplittern des Black Mirror fungiert als ikonoklastischer Akt: Erst im Sprung der Mattscheibe wird der Blick frei auf die verdeckten Machtstrukturen dahinter.
Womit der Band gerahmt wird: Wissenschaftliche Einbettung und Fiktion
Um den halluzinatorischen Texten von Salb Hacz das nötige Gewicht zu verleihen und die Grenze zwischen akademischem Diskurs und künstlerischer Fiktion gekonnt zu verwischen, ist das Werk mit mehreren Sekundärtexten ausgestattet:
- Akademischer Kontext: Ein einleitender Essay sowie ein Interview mit Salb Hacz, geführt von den Religionswissenschaftlern J. Sage Elwell und Beth Singler, verorten die Häretopien in der real existierenden KI-Religiosität.
- Epistolische Dokumentation: Ein persönlicher Brief eines anonymen Kollegen, vermittelt über den Autor und Kritiker Huw Lemmey, belichtet die sprunghafte Persönlichkeit des mystischen Ingenieurs.
Profil und Zielgruppe: Ein Manifest für den Cyber-Okkultismus
Ass of God ist kein Handbuch für rituelle Praxis und ebenso wenig eine trockene Medienkritik. Es richtet sich an historisch wie philosophisch aufgeschlossene Leser, Medienkunst-Interessierte sowie Theoretiker des modernen Cyber-OkkultismusCyber-Okkultismus beschreibt die Verschmelzung von hermetischer Tradition mit digitalen Strukturen und modernen informationstheoretischen Modellen. Er begreift den Cyberspace und algorithmische Netzwerke als neue Räume für Korrespondenzen, in denen magische Zeichen, Symbole und Wissensströme in Echtzeit übertragen, vernetzt und transformiert werden können. und des Techno-Gnostizismus.
Statt Wohlfühl-EsoterikEsoterik ist der Sammelbegriff für Lehren, die ein „inneres“, verborgenes Wissen vermitteln, das sich nur dem Eingeweihten erschließt. Sie befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen Mensch, Kosmos und dem Göttlichen. In dieser Bibliothek steht Esoterik für den ganzheitlichen, kontemplativen Zugang zur Wirklichkeit. bietet der Band eine scharfzüngige, ästhetisch anspruchsvolle Demontage des kalifornischen Ideologie-Komplexes. Seine Stärke liegt in der meisterhaften Verwebung von historischer Ketzer-Rhetorik mit zeitgenössischer Hochtechnologie. Zach Blas zeigt auf, dass man den Mythen des Silicon Valley vielleicht nicht mit reiner Logik begegnen kann, wohl aber mit einer gut konstruierten, heilsamen Häresie.