Musurgia Universalis – Buchcover

Musurgia Universalis

Die musikalische Struktur des Kosmos

1650
Originaltitel: „Musurgia Universalis: sive ars magna consoni et dissoni“
Eine universelle Abhandlung über die Theorie der Musik, Akustik und die heilende Kraft der Klänge.
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Werk und Inhalt

Klang ordnet das All

Zehn Bücher entwerfen eine Ordnung, in der jeder Ton als Schwingung Gottes die Materie bis in ihre tiefsten Fasern regiert.

Das Papier atmet den Staub Roms

Zwei schwere Foliobände, gedruckt im Jahre 1650, liegen auf dem Pult. Es ist das Jahrhundert des Barock, eine Epoche, die nach dem Ganzen giert. Athanasius Kircher, der Jesuit im Collegium Romanum, schreibt nicht bloß über Musik. Er sammelt die Welt. Wer durch die Kupferstiche blättert, erkennt schnell, dass es nicht um Unterhaltung geht. Es geht um die Rückführung des Vielfältigen auf eine einzige, göttliche Ur-Schwingung. Das Werk ist ein Laboratorium des Geistes, in dem die Grenze zwischen Physik und Glauben noch nicht gezogen ist.

Die wunderbare Kraft der Sympathie

Kircher begreift Musik als wirkende Kraft, als ein Agens, das von Körper zu Körper springt. Er nutzt den Begriff der Musurgia, um diesen Prozess der Formgebung durch Schall zu beschreiben. Alles korrespondiert. Ein gespanntes Seil antwortet dem anderen, ohne Berührung, allein durch den Gleichklang. Dieser Gedanke der Anziehung zieht sich durch das gesamte Werk. Er wurzelt in der antiken Vorstellung der Sphärenharmonie, wie sie schon Pythagoras lehrte. Doch Kircher geht weiter. Er will die Mechanik hinter dem Wunder greifbar machen.

Pfeifen und Saiten im Dienste der Heilung

In der Musurgia Universalis findet sich das Konzept der Iatromusica. Musik ist Medizin. Der Rhythmus der Melodie soll den Puls des Kranken wieder in Takt bringen. Kircher beschreibt ausführlich den Tanz der Tarantel, bei dem die Musik das Gift der Spinne aus dem Körper treiben soll. Er sieht den menschlichen Organismus als ein Instrument, das verstimmen kann. Darin trifft er sich im Geiste mit Robert Fludd, der zur gleichen Zeit in England an seinem Utriusque Cosmi arbeitete. Beide suchten den Hebel, mit dem der Mensch die Dissonanzen seiner Existenz auflösen kann.

Die Maschine schreibt die Melodie

Ein bemerkenswerter Teil des Werkes widmet sich der Arca Musarithmica. Es ist ein Holzkasten, bestückt mit beschrifteten Stäben, eine frühe Rechenmaschine für Kompositionen. Kircher will das Schöpferische fassbar machen. Selbst Laien sollen mit dieser mechanischen Hilfe vierstimmige Sätze setzen können. Dieser Glaube an die Kombinatorik verbindet ihn mit Gottfried Wilhelm Leibniz, der später von einer Universalsprache träumen wird. Für Kircher ist die Welt eine Rechenaufgabe, deren Lösung im Wohlklang liegt.

Das Echo als Spiegel der Schöpfung

Kircher untersucht die Reflexion des Schalls in Gewölben und Tälern. Er nennt dies die Phonurgia. Das Echo ist für ihn kein bloßes physikalisches Phänomen, sondern ein metaphysischer Hinweis. Die Welt antwortet dem Schöpfer. Er entwirft riesige Hörrohre und Sprechmaschinen, die im Mauerwerk verborgen sind. Diese Apparate sollen die Naturmagie nutzbar machen. Es ist der Versuch, die unsichtbare Luft so zu bändigen, dass sie Botschaften trägt. Das Ohr wird zum wichtigsten Tor der Erkenntnis.

Vom Gesang der Vögel zu den Engelschören

Mitten im Text finden sich Notationen von Hahnenrufen und Nachtigallenschlägen. Kircher transkribiert die Natur. Er will beweisen, dass auch die Tiere am großen Chor teilhaben. Für ihn existiert keine tote Materie. Alles, was atmet, schwingt. Diese Sehnsucht nach einer universellen Sprache des Klangs erinnert an die Werke von Johannes Kepler. Während Kepler die Harmonien in den Planetenbahnen suchte, findet Kircher sie im Kehlkopf einer Wachtel oder im Pfeifen des Windes.

Der Gott, der die Saiten spannt

Am Ende mündet alles in die Musitheologia. Gott ist für Kircher der oberste Organist. Die Schöpfungstage sind Akkorde, die der Schöpfer in die Stille setzt. Das Buch schließt den Kreis von der Mathematik über die Biologie bis hin zur Anbetung. Es ist ein Monument des Vertrauens in eine sinnvoll gefügte Welt. Wer die Musurgia heute betrachtet, sieht kein veraltetes Lehrbuch, sondern das Zeugnis einer Zeit, in der das Wissen noch nicht in Einzelteile zerfallen war. Der Klang bleibt das Band, das Himmel und Erde zusammenhält.