Cybernetic Culture Research Unit (CCRU) – Buchcover

Cybernetic Culture Research Unit
(CCRU)

Writings 1997–2003

2017
„Fehlt es uns wirklich an Feingefühl, Gott still und allein sterben zu lassen, wie einen Hund?“
Diese Anthologie versammelt theoretische Texte, Essays und experimentelle Schriften der CCRU, die technologische Beschleunigung, Kybernetik und okkultistische Konzepte zu einer radikalen Kulturtheorie verschmelzen.
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„Fehlt es uns wirklich an Feingefühl, Gott still und allein sterben zu lassen, wie einen Hund?“
Diese Anthologie versammelt theoretische Texte, Essays und experimentelle Schriften der CCRU, die technologische Beschleunigung, Kybernetik und okkultistische Konzepte zu einer radikalen Kulturtheorie verschmelzen.
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Werk und Inhalt

Die Architektur des Untergangs: Eine Kartografie der CCRU

Die Cybernetic Culture Research Unit – kurz CCRU – war kein akademisches Institut, sondern eine in den 1990er Jahren an der University of Warwick operierende „hyperstitionelle“ Zelle, die die Grenzen zwischen Philosophie, Science-Fiction und Techno-Musik bis zur Unkenntlichkeit verwischte.

Die 2017 erschienene Sammlung Writings 1997–2003 konserviert jene Phase, in der Nick Land und seine Mitstreiter – darunter Sadie Plant, Mark Fisher und Kodwo Eshun – die akademische Welt mit einer Mischung aus Kybernetik, okkultem Materialismus und der Faszination für das Unmenschliche destabilisierten. Das Werk fungiert weniger als geschlossene Theoriebildung, sondern als archäologischer Fundort eines intellektuellen Ausnahmezustands, in dem der Mensch als Relikt in einem kybernetischen Prozess begriffen wird.

Hyperstition und die Wirkmacht der Fiktion

Der vielleicht einflussreichste Beitrag des Bandes ist die Einführung des Konzepts der Hyperstition. Als Kunstwort aus Hyper und Superstition (Aberglaube) bezeichnet es Ideen, die durch ihre bloße Erzählung und Zirkulation die Realität aktiv mitformen. Die CCRU argumentiert, dass fiktionale Entitäten – seien es Lovecraftsche Wesen oder die Numogram-Strukturen, die im Buch mit fast schon mathematischem Eifer dekonstruiert werden – nicht nur Beobachtungen sind, sondern als „Kultur-Viren“ fungieren. Wer diese Texte liest, begibt sich in ein System, das sich seiner eigenen, oft düsteren Zukünfte bewusst ist. Die Texte zelebrieren die Aufhebung des Subjekts und führen den Leser durch ein Labyrinth aus Zahlensymbolik und spekulativer Zeitphilosophie.

Der Körper als kybernetische Schnittstelle

Ein zentrales Motiv ist die Erosion des biologischen Körpers durch technologische und kapitalistische Kräfte. In einer Welt, in der die Grenzen zwischen organischer Materie und maschineller Logik verschwimmen, wird der Körper zur Schnittstelle. Die CCRU reflektiert hierbei Einflüsse von Gilles Deleuze und Félix Guattari, transformiert diese jedoch in ein eher schroffes, technokratisches Vokabular. Es geht um die „Deterritorialisierung“ des Menschen, um das Ende der anthropozentrischen Ordnung. Dass dies mit einer gewissen Begeisterung für den eigenen Untergang vorgetragen wird, gehört zum provokanten, wenngleich bisweilen ermüdenden Espirit des Projekts; die Autoren betrachten die technologische Singularität nicht mit Skepsis, sondern als eine unvermeidliche Entfesselung.

Okkultismus im digitalen Zeitalter

Wer sich auf diese Texte einlässt, wird feststellen, dass der CCRU ein tiefes Interesse am OkkultenOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. innewohnt – jedoch fernab von esoterischem Wohlfühl-Spirit. Die Okkultismuskritik und -aneignung der Gruppe ist materialistisch; Zahlen, Orakeltechniken und I Ging werden als kybernetische Programmiersprachen begriffen, die in den Datenstrom der globalen Märkte eingreifen. Das Buch verknüpft dabei historische Figuren wie Aleister Crowley oder H.P. Lovecraft mit den Dynamiken der Informatik und der molekularen Biologie. Diese Analysen fordern den Leser heraus, die Okkultismen des 20. Jahrhunderts nicht als spirituelle Relikte, sondern als Blaupausen für eine algorithmisch gesteuerte Zukunft zu verstehen.

Ein Kompendium für Grenzgänger

Die Writings richten sich an ein Publikum, das bereit ist, den Komfort konventioneller Narrationsweisen aufzugeben. Historisch Interessierte finden hier das Dokument eines radikalen Aufbruchs innerhalb der britischen Geisteswissenschaften. Wer die Texte jedoch als bloßes Zeitdokument missversteht, unterschätzt ihren Anspruch: Die CCRU wollte nicht über die Welt schreiben, sie wollte in die Welt eingreifen.

Die Stärke des Bandes liegt in seiner kompromisslosen Sperrigkeit, die intellektuelle Disziplin abfordert. Man sollte das Buch als eine Art „Black Box“ betrachten – eine Sammlung von Signalen aus einer Epoche, die bereits ahnte, dass die nahe Zukunft einer digitalen Entmenschlichung nicht mehr aufzuhalten war. Es ist ein faszinierendes, gelegentlich zynisches und stets präzises Zeugnis eines radikalen philosophischen Experiments.