Werk und Inhalt
Die Protokolle der modernen Magie: Ray Sherwins „Das Buch der Resultate“
Als Ray Sherwin im Jahr 1978 sein The Book of Results veröffentlichte, tat er dies in einer Zeit, in der das westliche OkkultOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben.-Milieu einer behutsamen, aber bestimmten Revision bedurfte. Der Autor wendet sich ab von den ausufernden, oft im Ornamentalen erstickenden Ritualen der Hermetic Order of the Golden Dawn oder den komplexen thelemitischenThelema bezeichnet das auf Aleister Crowley zurückgehende philosophisch-magische System, dessen Kernsatz lautet: „Tue was du willst, soll sein das ganze Gesetz“. Es stellt eine radikale Fortführung der hermetischen Tradition dar, indem es den Fokus auf die Identifikation des Individuums mit seinem „Wahren Willen“ legt und diesen als die eigene göttliche Bestimmung im Kosmos versteht. Systemen Aleister Crowleys, hin zu einer bemerkenswerten pragmatischen Reduktion.
Sherwin, eine prägende Figur der aufkeimenden Chaos Magick-Bewegung, legte kein theoretisches Traktat vor, das nach metaphysischer Legitimation dürstet, sondern eine Anleitung, die den Fokus konsequent auf die subjektive Wirksamkeit legt. Es ist ein Buch, das die Magie ihrer theatralischen Patina entkleidet und sie als psychologisches Werkzeug begreift.
Die Ökonomie des Willens
Im Zentrum des Buches steht das Konzept der Sigillenmagie, wie es maßgeblich von Austin Osman Spare beeinflusst wurde, jedoch durch Sherwin in eine systematisierte, fast schon technisch anmutende Form gebracht wurde. Der Kernprozess – die Destillation eines Wunsches in ein grafisches SymbolDas Symbol ist ein verdichtetes Zeichen, das über seine bloße materielle Erscheinung hinaus auf eine tiefere, transzendente Wirklichkeit verweist. Im hermetischen Kontext ist das Symbol kein willkürliches Abbild, sondern ein „Korrespondenz-Anker“, der die Kraft der bezeichneten Idee in die physische Ebene kanalisiert und so als Brücke zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos fungiert. – folgt einer ökonomischen Logik: Das Unterbewusstsein, so die These, kommuniziert in Bildern, nicht in Diskursen. Indem das komplexe Verlangen in ein abstraktes Zeichen überführt und dieses anschließend durch den Zustand der „GnosisDie Gnosis (altgriech. γνῶσις Erkenntnis) bezeichnet eine durch göttliche Offenbarung erlangte spirituelle Selbsterkenntnis, die zur Befreiung der Seele aus der materiellen Welt führen soll. Sie betont die direkte, innere Erfahrung des Göttlichen gegenüber dogmatischem Glauben und ist ein zentrales Fundament vieler hermetischer Traditionen.“ (einer kurzzeitigen Bewusstseinstrübung oder totalen Fokus-Konzentration) aus dem bewussten Denken gelöscht wird, soll das Ziel manifestiert werden. Sherwin verzichtet hierbei auf jede Form von spirituellem Ballast oder moralischer Bewertung. Es geht ihm um die Funktionalität: Wenn die Methode den gewünschten Effekt erzielt, ist sie valide. Die metaphysische Begründung ist für die Praxis zweitrangig.
Die Auflösung der rituellen Prothese
Sherwin übt in seinem Werk eine unaufgeregte Kritik an der rituellen Überfrachtung. Während die okkulten Zirkel des frühen 20. Jahrhunderts oft den Anschein erweckten, man benötige ein volles Arsenal an Roben, Räucherwerk und komplizierten Anrufungen, um das Universum zu bewegen, propagiert Das Buch der Resultate die totale Vereinfachung. Das Ritual ist bei Sherwin kein heiliger Akt im religiösen Sinne, sondern eine Art „psychische Hygiene“ oder ein technisches Manöver, um den Geist in einen Zustand der Empfänglichkeit zu versetzen. Dieser Ansatz rückt in die Nähe einer Art angewandten Psychologie, die sich – mit einem Augenzwinkern – eher bei Sigmund Freud als bei den klassischen GrimoiresGrimoires sind Zauberbücher, die Anleitungen für magische Rituale, Beschwörungen sowie Rezepte enthalten. Der Begriff leitet sich vom französischen Wort für Grammatik ab. Obwohl sie auf antike Vorbilder zurückgehen, verbreiteten sie sich vor allem vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. bedient. Der Magier ist hier weniger der Priester eines verborgenen Pantheons, sondern ein versierter Architekt seiner eigenen neuronalen Zustände.
Protokolle der Distanz
Ein wesentliches Element des Buches ist die Aufforderung zur wissenschaftlichen Dokumentation. Sherwin legt Wert darauf, dass der Anwender nicht nur agiert, sondern auch protokolliert. Diese Forderung nach Empirie innerhalb einer hermetischenDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. Praxis verleiht dem Buch seinen eigentümlichen, fast schon trocken-wissenschaftlichen Reiz. Der Erfolg einer Operation wird nicht an der Schönheit der Ausführung gemessen, sondern an dem beobachtbaren Resultat in der physischen Welt. Diese „Resultate“ bilden den titelgebenden Anker des Werkes.
Es ist ein Text für jene, die eine Abneigung gegen die schwülstige Prosa okkulter Klassiker hegen und stattdessen eine klare, schnörkellose Handlungsanweisung suchen. Sherwin schreibt mit einer Nüchternheit, die beinahe ironisch wirkt, wenn man bedenkt, dass es um die Manipulation der Realität geht.
Wirkung und Rezeption
Das Buch steht heute als eines der Gründungsdokumente der modernen westlichen Magiepraxis da, welche den Bruch mit der Tradition als notwendigen evolutionären Schritt begreift. Dass Sherwin dabei stets die Eigenverantwortung des Praktizierenden betont, macht den Text zu einer Kampfschrift gegen jegliche Form von Guru-Kult.
Man darf also kein Werk über die großen Geheimnisse des Universums erwarten, erhält jedoch ein Handbuch, das den OkkultismusOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. als Selbstmanipulationstechnik entzaubert und damit erst eigentlich anwendbar macht. Der Leser findet in diesen knapp gehaltenen Seiten ein bemerkenswert ehrliches Zeugnis. Es ist ein Buch, das den Leser ernst nimmt, indem es ihm die Arbeit – und das Scheitern – nicht abnimmt. Die größte Stärke liegt zweifellos in seiner absoluten Freiheit von mystifizierendem Pathos.