Himmel und Hölle – Buchcover

Himmel und Hölle

1758
Originaltitel: „De Coelo et eius mirabilibus, et de inferno“
„Die geistige Welt ist kein Ort in der Ferne, sondern ein Zustand des Seins, der uns ständig umgibt.“
Bericht über visionäre Erlebnisse der jenseitigen Welten und die Entsprechungslehre zwischen Himmel und Erde.
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„Die geistige Welt ist kein Ort in der Ferne, sondern ein Zustand des Seins, der uns ständig umgibt.“
Bericht über visionäre Erlebnisse der jenseitigen Welten und die Entsprechungslehre zwischen Himmel und Erde.
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Werk und Inhalt

Die Topographie des Jenseits

In seinem Werk De Coelo et eius mirabilibus et de inferno entwirft Emanuel Swedenborg eine präzise Kartographie der geistigen Welt, die sich nicht als vage Vision, sondern als nüchterner Reisebericht eines Naturforschers liest.

Vom Bergmann zum Geisterseher

Emanuel Swedenborg war kein Träumer. Bevor er sich dem Jenseits zuwandte, war er Assessor am schwedischen Bergwerkskollegium, ein Mann der harten Fakten, der Erze und der Mechanik. Im Jahr 1758 veröffentlichte er anonym in London diesen Traktat, der den lateinischen Titel De Coelo et eius mirabilibus et de inferno trägt. Seine Herkunft aus der Naturwissenschaft prägt das Buch: Er beschreibt die geistigen Sphären mit der Akribie eines Kartographen, der eine fremde Provinz vermisst.

Die Lehre von den Entsprechungen

Das fundamentale Gerüst des Werkes ist die Theorie der Correspondentiae, die Lehre von den Entsprechungen. Swedenborg postuliert, dass jedes materielle Ding auf Erden ein direktes geistiges Gegenstück besitzt. Die Sonne unserer Welt ist für ihn lediglich das physische Abbild der geistigen Sonne, die aus der göttlichen Liebe und Weisheit besteht. Diese Annahme einer durchgängigen Analogiekette erinnert an die hermetische Tradition, doch Swedenborg entzieht ihr das Magische und ersetzt es durch eine fast mathematische Gesetzmäßigkeit.

Das geistige Gleichgewicht

Ein zentraler Begriff des Buches ist das Aequilibrium, das Gleichgewicht zwischen Himmel und Hölle. Swedenborg beschreibt den Menschen als ein Wesen, das genau in der Mitte dieser beiden Kräfte steht. In der Welt der Geister, dem Mundus Spirituum, entscheidet sich nach dem Tode, welcher Schwerkraft die Seele folgt. Es gibt bei ihm keinen strafenden Richtergott; der Mensch wandert dorthin, wo seine innere Neigung, sein herrschendes Vergnügen ihn hinzieht.

Die Engel als Menschen

Im Gegensatz zur kirchlichen Tradition sind Engel bei Swedenborg keine eigene Gattung von Geistwesen. Jeder Engel war einmal ein Mensch. Der Himmel besteht aus unzähligen Gesellschaften, die nach der Ähnlichkeit ihres Liebens geordnet sind. Diese Vision einer organischen, gesellschaftlichen Struktur des Jenseits korrespondiert mit den utopischen Entwürfen seiner Zeit, etwa den sozialen Architekturen, wie sie später Charles Fourier in seinen Phalanstères dachte, freilich ins Metaphysische gewendet.

Der Streit mit der Vernunft

Swedenborgs Werk löste in der Aufklärung erhebliche Erschütterungen aus. Immanuel Kant, der den schwedischen Seher zunächst mit Interesse verfolgte, verfasste 1766 seine satirische Schrift Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik. Kant kritisierte die mangelnde empirische Beweisbarkeit, konnte sich jedoch der Faszination der systemischen Geschlossenheit Swedenborgs nicht ganz entziehen. Es war der Zusammenstoß zwischen der reinen Vernunft und einer empirisch auftretenden MystikMystik bezeichnet das Streben nach einer unmittelbaren, erfahrungsbasierten Einheit mit dem Göttlichen oder dem Absoluten. Anders als der Szientismus erkennt sie die Unzulänglichkeit der bloßen Ratio an und postuliert, dass die tiefste Wahrheit der Wirklichkeit nicht durch Analyse von außen, sondern durch Transformation und Versenkung von innen erschlossen wird..

Die Sprache der Geister

Swedenborg berichtet detailliert über die Lingua Angelica, die Sprache der Engel. Diese Sprache sei universell und dem inneren Menschen angeboren. Sie bestehe nicht aus abstrakten Zeichen, sondern aus Ideen, die unmittelbar Bilder und Gefühle übertragen. Darin zeigt sich eine Verwandtschaft zu den Bemühungen von Gottfried Wilhelm Leibniz um eine Characteristica Universalis, eine Universalsprache, die den menschlichen Geist fehlerfrei abbilden sollte. Wo Leibniz die Logik suchte, fand Swedenborg die Anschauung.

Die Hölle als Eigenwahl

Die Schilderung der Hölle in De Coelo ist von einer psychologischen Modernität, die überrascht. Die Hölle ist kein Ort der physischen Folter durch äußere Dämonen, sondern die Realisierung des absoluten Egoismus. Die Bewohner der Hölle empfinden ihren Zustand nicht als Qual, sondern als die einzige ihnen gemäße Existenzform, da sie das Licht des Himmels als Schmerz wahrnehmen würden. Dieser Gedanke der Selbstexklusion greift weit vor auf existenzialistische Motive des 20. Jahrhunderts.

Die Wirkung auf die Literatur

Das Werk wurde zu einem geheimen Reservoir für die europäische Literaturgeschichte. Honoré de Balzac widmete Swedenborg seinen Roman Séraphîta und versuchte, die Theorie der Entsprechungen in die Ästhetik des Realismus zu integrar. Auch William Blake und später Jorge Luis Borges schöpften aus der plastischen Kraft dieser jenseitigen Topographie. Swedenborg lieferte den Stoff, aus dem die Romantik ihre Sehnsucht nach der Durchlässigkeit der Welt speiste.

Das Erbe des Sehers

In der Stille einer Bibliothek betrachtet, bleibt De Coelo ein Denkmal für den Versuch, das Unendliche zu systematisieren. Es ist ein Buch, das den Leser zwingt, die Welt der Erscheinungen als eine Chiffre zu lesen. Swedenborg hat der Mystik den Nebel genommen und ihr stattdessen die Klarheit einer technischen Zeichnung gegeben. Das Werk steht als einsamer Pfeiler zwischen der alten Theologie und dem aufkommenden psychologischen Zeitalter.