Ein dicker, kochender Brei quillt über den Rand des irdenen Gefäßes
Der berühmte Hell-Dunkel-Holzschnitt von 1510 wirft ein grelles Schlaglicht auf das entfesselte Unwesen im nächtlichen Dickicht und bricht radikal mit dem geordneten Kosmos der herrschenden Kunstauffassung.
Das Brodeln im Unterholz
Vier nackte Frauenleiber besetzen den lichten Fleck im nächtlichen Wald. Hans Baldung Grien nutzt das Verfahren des Clair-obscur-Holzschnitts mit zwei Stöcken, um eine unheimliche Leuchtkraft zu erzeugen. Das weiße Papier brennt sich als reines Licht durch die grau-orange Tönung der Nacht. Auf dem Waldboden lagern Knochen, ein Pferdeschädel und jene fatale Salbenschale, die das Emblem des Künstlers trägt. Es ist die rituelle Vorbereitung für den Flug zum Sabbat, die Inszenierung einer verbotenen Gegenwelt.
Der Dunst der Töpfe
Im Zentrum der Komposition steht das Kochen. Eine Hexe hockt auf der Erde und hält den Deckel über einen Topf, aus dem ein gewaltiger Schwall von Dämpfen dringt. Baldung verbildlicht hier den Begriff der Maleficium, jene schadensstiftende Zauberei, die das Wetter wenden, Ernten vernichten und Krankheiten bringen sollte. Der aufsteigende Dunst trägt die Hexen empor. Es ist eine blasphemische Umkehrung des göttlichen Atems, ein künstlicher Sturm, der aus den Fäulnisstoffen der Erde gespeist wird.
Das Siegel der Umkehrung
Der Blick fängt sich an der ältesten Frau im Kreis. Sie sitzt rückwärts auf einem Ziegenbock, die Beine gespreizt, und hält eine Schale in die Höhe. Dieses Rückwärtsreiten war im oberdeutschen Raum das Chiffre für die Inversio, das bewusste Verlassen der christlichen Ordnung. Baldung zeigt den Körper ungeschönt als Zone der Vergänglichkeit und der Lust. Die Haare fliegen starr nach oben, bewegt von jener magischen Energie, die zeitgleich der Theologe Jacob van Hoogstraten in seinen Traktaten gegen die Humanisten verdammte.
Der Geist aus Schlettstadt
Der intellektuelle Nährboden dieser Drastik liegt in der nahen Universitätsstadt Freiburg und den Schriften aus Schlettstadt. Das Werk atmet die Paranoia des Malleus Maleficarum. Heinrich Kramer formulierte dort die theoretische Begründung für den Hexenwahn, die Baldung nun mit dem Grabstichel in Holz schneidet. Der Künstler illustriert das Traktat nicht bloß, er untersucht die psychologische Tiefenstruktur der Angst. Er verknüpft die gelehrte Dämonologie mit der ungezähmten NaturphilosophieDie Naturphilosophie ist eine philosophische Betrachtung der Natur als beseeltes, lebendiges Ganzes. Sie sucht hinter den rein naturwissenschaftlichen Gesetzen nach einem tieferen, oft spirituellen Verständnis der Welt und begreift die Natur als einen Spiegel geistiger Prozesse, wie es etwa in der Tradition der Alchemie oder bei Denkern wie Schelling zum Ausdruck kommt. der Renaissance.
Das Aufbegehren des Schülers
Albrecht Dürer sah in diesem Blatt die Abkehr von seiner Schule. Wo der Meister in Nürnberg den Stich Die vier Hexen noch als moralische Warnung in klassischer Symmetrie anlegte, wählte sein begabtester Schüler die pure Ekstase. Baldung verzichtet auf das ordnende Maß der Proportionslehre. Die Leiber verschränken sich zu einem dynamischen Knäuel aus Fleisch und Haaren. Es ist die Geburtsstunde eines autonomen Manierismus im Norden, der das Irrationale als feste Kraft im menschlichen Dasein begreift.
Über den Künstler
Hans Baldung Grien
Der Dampf der Retorte In den dämmrigen Räumen der späten Renaissance liegt ein schwerer Geruch in der Luft. Schwefel, Essig und das Aroma getrockneter Kräuter vermengen sich mit dem Staub alter Pergamente. Es ist ein Raum der Transmutation. Hier w...
Zum Künstler-ProfilÄsthetische Spiegelungen