Drei nackte Körper am Boden, im Gegenlicht einer fahlen Glut
Hans Baldung, den sie den Grien nannten, schickte dieses Blatt zum Jahreswechsel an seinen Lehrer Albrecht Dürer. Es ist ein Neujahrsgruß aus Straßburg, gedruckt im Chiaroscuro-Verfahren von zwei Holzstöcken, der die Grenze des Erträglichen streift.
Das verkehrte Fest
Drei Frauen besetzen das Dunkel. Keine feiert den Beginn, alle zelebrieren die Umkehrung. Baldung nutzt die Technik des Farbolzschnitts nicht zur Verschönerung, sondern zur Schichtung des Raumes. Das Weiß des Papiers bricht als grelles Licht aus dem graubraunen Ton der Fleischfarbe. Es sind Hexen, doch sie fliegen nicht, sie lagern. Sie hocken auf einem Terrain, das von Knochen und Gefäßen gesäumt ist. Der Blick fängt sich an einer Salbenschale, auf deren Deckel das Monogramm des Künstlers prangt. Das Werk verweist auf die verbotene Praxis der Unguentum Sabbati, jene Flugsalbe, die den Geist in die Lüfte und den Körper in den Schmutz treiben sollte.
Die AlchemieAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. des Schreckens
Hier wird das Wissen der Zeit seziert. Während Paracelsus zeitgleich in seinen Schriften versuchte, die Naturstoffe zu läutern, zeigt Baldung die Zersetzung. Die Körper der Frauen sind keine Akte der Renaissance, sie sind Anatomie der Vergänglichkeit. Die älteste Hexe blickt nach oben, den Mund geöffnet, als stieße sie jenen Sabbat-Ruf aus, den die Inquisitoren fürchteten. Ihr Haar fliegt aufwärts, entgegen der Schwerkraft, bewegt von einem unheimlichen Wind. Es ist die Darstellung einer Antiwelt, die im Kontrast zur geordneten Geometrie Dürers steht. Baldung bricht mit der humanistischen Harmonie.
Das Buch der Hexenhammer
Der intellektuelle Nährboden dieses Blattes ist der Malleus Maleficarum. Heinrich Kramer verfasste diesen Traktat wenige Jahrzehnte zuvor im nahen Schlettstadt. Baldung illustriert nicht den Text, er atmet dessen Paranoia. Die Sabbat-Szenerie wird zum Schauplatz einer verkehrten Liturgie. Eine Hexe hält eine Schale in die Höhe, aus der Dämpfe steigen. Es ist kein Weihrauch, es ist der Dunst des Kessels. Die Szene spiegelt die tiefe Verunsicherung eines Zeitalters, das den Übergang vom Mittelalter zur Moderne mit Scheiterhaufen beleuchtete.
Der Geist des Meisters
Albrecht Dürer empfing dieses Blatt im fernen Nürnberg. Er sah darin seinen Schüler, der die Grenze der Proportionslehre überschritt. Wo Dürer die göttliche Ordnung in den Maßen suchte, fand Baldung die menschliche Urgewalt im Chaos. Das Blatt korrespondiert im Geist mit Dürers Kupferstich Die vier Hexen von 1497, geht aber weiter in der Drastik. Baldung verzichtet auf die moralisierende Distanz. Er stellt den Betrachter mitten in den Kreis, mitten in den Gestank von Schwefel und verbranntem Fett.
Die Ewigkeit des Zwielichts
Dieses Werk bleibt ein Rätsel im Gewand eines Geschenks. Ein Neujahrsgruß voller Unheilszeichen, überreicht an der Schwelle einer neuen Epoche. Es zeigt die Ambivalenz der Renaissance, die das Licht der Vernunft suchte und dabei die tiefsten Schatten warf. Baldung Grien schuf kein Bild für die Kirche, sondern ein Monument für das Geheime, das im Verborgenen blüht und im Dunkeln des Holzblocks seine Heimat findet.
Über den Künstler
Hans Baldung Grien
Der Dampf der Retorte In den dämmrigen Räumen der späten Renaissance liegt ein schwerer Geruch in der Luft. Schwefel, Essig und das Aroma getrockneter Kräuter vermengen sich mit dem Staub alter Pergamente. Es ist ein Raum der Transmutation. Hier w...
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