Atalanta Fugiens - Emblem 21

Michael Maier

1617

Ein Zirkel zieht die Grenze zwischen Natur und Geist

Ein Geometer vermisst das Universum im Inneren eines Mannes und einer Frau.

Der Schnittpunkt der Linien

Ein Mann mit einem gewaltigen Zirkel beugt sich über eine Kreisfläche auf dem Boden. Das einundzwanzigste Emblem aus der Atalanta Fugiens von Michael Maier, gedruckt im Jahr 1617 bei Hieronymus Galler in Oppenheim, bannt das Geheimnis des Steins in vier geometrische Figuren. „Mache aus Mann und Weib einen Kreis“, lautet die Epigrammzeile, die den AdeptenDer Adept ist ein Eingeweihter, der die hermetischen oder alchemistischen Geheimnisse nicht nur theoretisch studiert, sondern durch die praktische Anwendung des Magnum Opus zur Meisterschaft gelangt ist. Er symbolisiert die erfolgreiche Transformation des Menschen, der die Einheit von Geist und Materie verwirklicht hat. anleitet. Maier, der als Leibarzt am Prager Hof von Kaiser Rudolf II. wirkte, zeichnet hier kein chemisches Rezept, sondern ein kosmisches Diagramm. Der Geometer arbeitet mit feinem Werkzeug; hier entscheidet die mathematische Strenge über das Gelingen des inneren Großen Werkes.

Das Dreieck im Quadrat

Innerhalb des äußeren Zirkels umschließt ein Quadrat ein Dreieck, in dessen Mitte wiederum das Antlitz eines Menschen ruht. Diese Schachtelung ist kein intellektuelles Spiel, sondern die visuelle Übersetzung der antiken NaturphilosophieDie Naturphilosophie ist eine philosophische Betrachtung der Natur als beseeltes, lebendiges Ganzes. Sie sucht hinter den rein naturwissenschaftlichen Gesetzen nach einem tieferen, oft spirituellen Verständnis der Welt und begreift die Natur als einen Spiegel geistiger Prozesse, wie es etwa in der Tradition der Alchemie oder bei Denkern wie Schelling zum Ausdruck kommt.. Das Quadrat verkörpert die vier Elemente, während das Dreieck für das unteilbare Prinzip aus Geist, Seele und Körper steht, jene Tria Prima, die Paracelsus in den Mittelpunkt seiner Lehre rückte. Wer diese Formen recht aufeinander bezieht, überwindet die Vielheit der materiellen Welt und stößt zum einfachen Kern vor. Es ist der Versuch, das Chaos der ungezähmten Natur durch die kosmische Ordnung des Maßes zu bändigen.

Das Erbe der Gelehrten

Maier erfindet diese Anweisung nicht selbst, er zitiert den legendären Traktat Rosarium Philosophorum. Die Geometrie als Schlüssel zur Metaphysik verbindet ihn eng mit seinem Zeitgenossen Robert Fludd, mit dem er über den Verleger Johann Theodor de Bry im Austausch stand. Doch während Fludd die Weltenharfe stimmte, sucht Maier das mathematische Fundament. Die Figuren sind Chiffren für den Übergang vom Großen zum Kleinen, vom Makrokosmos zum Mikrokosmos. Jede Linie auf diesem Kupferstich von Matthäus Merian der Ältere verlangt eine Schulung des Auges, die das Bleibende hinter den wechselnden Erscheinungen der Materie erkennt.

Die flüchtige Atalanta

Das gesamte Buch ist als synästhetisches Kunstwerk angelegt, das Bild, Text und dreistimmige Fugen miteinander verknüpft. Der Begriff der Musik wird hier zur reinigenden Kraft, die den Prozess im Laboratorium begleitet. Während der Betrachter den Kupferstich studiert, flieht Atalanta in den begleitenden Notensätzen vor Hippomenes. Diese Dynamik des Flüchtigen und des Fixierenden spiegelt sich im Emblem wider. Der Zirkel bannt die Bewegung; er zwingt das weibliche, quecksilbrige Prinzip des Flüchtigen unter die feste Herrschaft des männlichen, schwefeligen Prinzips. Das Bild verweilt im Moment der Bändigung, bevor die Harmonie im Schmelztiegel erklingt.

Der Punkt im Zentrum

In der Mitte aller Kreise und Quadrate ruht ein winziger Punkt, das Herz des Diagramms. Es ist das SymbolDas Symbol ist ein verdichtetes Zeichen, das über seine bloße materielle Erscheinung hinaus auf eine tiefere, transzendente Wirklichkeit verweist. Im hermetischen Kontext ist das Symbol kein willkürliches Abbild, sondern ein „Korrespondenz-Anker“, der die Kraft der bezeichneten Idee in die physische Ebene kanalisiert und so als Brücke zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos fungiert. für das unteilbare Eine, das Zentrum der Welt, aus dem alles entspringt und in das alles zurückkehrt. Hier berührt Maiers HermetikDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. die kabbalistischeKabbala (hebr. קַבָּלָה „Empfang“, „Überlieferung“) bezeichnet das jüdisch-mystische System der Weltdeutung. Als „Landkarte“ des göttlichen Emanationsprozesses nutzt sie den Lebensbaum (Etz Chaim), um die Ebenen des Daseins zu strukturieren und den Aufstieg der Seele nachzuvollziehen. → Abgrenzung: In der westlich-okkulten Esoterik wird die universell adaptierte, synkretistische Form als Qabalah bezeichnet. Tradition und die spekulative Philosophie eines Giordano Bruno. Der Punkt ist der Ort der vollendeten Transmutation, an dem alle Widersprüche der Schöpfung ineinanderfallen. Wer diesen Punkt findet, besitzt den Stein der Weisen. Das Emblem bleibt ein stummes Monument einer Epoche, die das Heil nicht in der Zerlegung der Natur, sondern in ihrer endgültigen, heiligen Zusammenführung suchte.

Über den Künstler

Michael Maier

Dunst über der Elbe Ein grauer Schleier liegt auf den Wassern bei Magdeburg, während in den Studierstuben das Licht der Kerzen gegen die Dämmerung ficht. Es herrscht eine Atmosphäre der Erwartung, geprägt von der Suche nach dem Fixum in einer Zeit...

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