Der siebte Sinn der Tiere – Buchcover

Der siebte Sinn der Tiere

1999
Originaltitel: „Dogs That Know When Their Owners Are Coming Home and Other Unexplained Powers of Animals: An Investigation“
Untersuchung biologischer Phänomene, die über bekannte Sinne hinausgehen.
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Werk und Inhalt

Das Auge im Verborgenen

Rupert Sheldrake führt die Biologie aus dem Labor zurück in den Garten, wo das Wissen der Sinne noch Vorrang vor der Herrschaft der Ziffern hat.

Witterung jenseits der Mechanik

Das Tier steht nicht als seelenloser Automat in der Landschaft, wie es René Descartes einst in seinem strengen Hochmut dekretierte. Es ist kein Getriebe, das lediglich auf Reize reagiert. Sheldrake blickt stattdessen auf das unsichtbare Geflecht, das ein Wesen mit seinem Ort und seinem Rudel verbindet. Er sucht nach der Witterung, die ein Tier aufnimmt, lange bevor ein Geruch oder ein Geräusch die Schwelle der Messbarkeit erreicht. Es ist eine Rückkehr zu einer Naturbeobachtung, die das Lebendige nicht erst sezieren muss, um es zu verstehen.

Das Erbe der romantischen Naturlehre

Dieser Ansatz wurzelt tief im Boden der deutschen Romantik. Man erkennt darin das Erbe eines Lorenz Oken oder die Naturbetrachtung Goethes, die das Ganze stets im Teil suchte. Wo die moderne Wissenschaft den Lebensraum in Datenpunkte zerlegt, sieht dieses Werk ein organisches Kraftfeld. Es erinnert an die Überzeugung, dass Geist und Materie keine getrennten Reiche sind, sondern in einer ständigen Wechselwirkung stehen, einer Resonanz, die keine starren Grenzen kennt.

Die Spur der morphischen Felder

Kern der Untersuchung bildet der Begriff des morphischen Feldes. Sheldrake versteht darunter ein ordnendes Gedächtnis der Natur, das weit über die bloße genetische Programmierung hinausreicht. Diese Felder wirken wie unsichtbare Schablonen, die Verhaltensweisen und Formen über Raum und Zeit hinweg stabilisieren. Ein Hund, der die Ankunft seines Herrn spürt, klinkt sich in eine solche Verbindung ein, die wie eine elastische Saite zwischen zwei Punkten gespannt bleibt, gleichgültig, wie groß die Distanz dazwischen sein mag.

Das Wissen um den Fernblick

Ein besonderes Augenmerk gilt dem Starren. Sheldrake dokumentiert das Phänomen, dass Menschen und Tiere bemerken, wenn sie von hinten fixiert werden. Er nennt dies die Ausdehnung des Geistes durch den Blick. Das Auge sendet etwas aus, es tastet die Umgebung ab. Damit berührt das Werk die antike Extramissionstheorie des Sehens, wie sie etwa Empedokles vertrat. Das Sehen ist kein passives Empfangen von Lichtstrahlen, sondern ein aktives Hinausgreifen der Seele in die Welt.

Die Rückkehr der Brieftaube

In den Versuchen mit Brieftauben zeigt sich die Schwäche der rein materiellen Orientierung. Weder Magnetfelder noch Geruchssinne erklären die Präzision, mit der diese Vögel über hunderte Kilometer in ihren Schlag finden. Sheldrake schlägt das elastische Band vor, eine gerichtete Verbindung zum Heimatort, die sich niemals ganz auflöst. Es ist ein instinktives Heimweh, das als physikalische Realität begriffen wird. Die Natur ist kein leerer Raum, sondern ein dicht gewebtes Tuch aus Intentionen.

Vorboten im Schatten der Katastrophe

Das Werk widmet sich ausführlich der Vorahnung von Tieren bei drohenden Erdstößen oder Fluten. Lange bevor die Nadel des Seismographen ausschlägt, gerät das Vieh in Unruhe. Diese Sensibilität für das Kommende ist kein magisches Kunststück, sondern die Teilhabe an den feinen Schwingungen des Erdkörpers. Es ist ein altes Wissen, das in bäuerlichen Gesellschaften über Jahrhunderte gepflegt wurde und damit eine späte, wissenschaftliche Rechtfertigung erfährt.

Telepathie als biologische Notwendigkeit

Was gemeinhin als EsoterikEsoterik ist der Sammelbegriff für Lehren, die ein „inneres“, verborgenes Wissen vermitteln, das sich nur dem Eingeweihten erschließt. Sie befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen Mensch, Kosmos und dem Göttlichen. In dieser Bibliothek steht Esoterik für den ganzheitlichen, kontemplativen Zugang zur Wirklichkeit. abgetan wird, rückt Sheldrake in das Licht der Evolutionsbiologie. Telepathie zwischen Haustier und Besitzer oder innerhalb eines Schwarms ist für ihn ein Werkzeug des Überlebens. Wenn ein Vogelschwarm in Bruchteilen von Sekunden die Richtung ändert, ohne dass die einzelnen Tiere kollidieren, agieren sie als ein einziger Organismus. Das morphische Feld koordiniert die Bewegung, als gäbe es ein kollektives Bewusstsein, das die Summe der Einzelteile steuert.

Ein bescheidener Platz im Ganzen

Am Ende steht die Erkenntnis, dass der Mensch seine Sonderstellung als einzig vernunftbegabtes Subjekt räumen muss. Wir sind eingebettet in eine lernende Natur, die sich an ihre eigenen Formen erinnert. Das Buch ist ein Plädoyer für eine neue Demut gegenüber dem Kreatürlichen. Es fordert uns auf, die Ohren zu spitzen und die feinen Vibrationen wieder wahrzunehmen, die uns mit dem Unterholz und dem Luftraum verbinden, in dem wir alle gemeinsam atmen.