Helrunar – Buchcover

Helrunar

Ein Handbuch der Runenmagie

1993
Originaltitel: „Helrunar“
Ein unorthodoxer, tiefgreifender Blick auf Runen.
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Werk und Inhalt

Magie als erfahrbare Praxis

Jan Fries bricht in seiner 1993 erschienenen Studie Helrunar radikal mit den erstarrten Dogmen traditioneller Okkultistik und etabliert einen pragmatischen, von der Chaosmagie inspirierten Zugang zur germanischen Runenmagie. Statt das Futhark in ein starres Rekonstruktionskorsett zu zwängen, begreift der deutsche Autor die Zeichen als lebendige Katalysatoren des Unterbewusstseins.

Das Buch versteht sich als Handbuch einer echten Praxisphilosophie, die das historische Quellenmaterial der Edda-Lieder und Skaldendichtung mit den dynamischen Methoden des körperorientierten Trance-Meldens verbindet. Fries entzieht dem Fachgebiet jegliches geheimnisvolle Pathos und setzt an dessen Stelle den schöpferischen Exzess, das eigene Experiment und eine radikale Subjektivität. Die historisch greifbare altnordische Mythologie verwandelt sich unter seinen Händen in eine vielschichtige Landkarte der menschlichen Psyche.

Die Schattenwelt der Hel und der Odin-Mythos

Der Titel verweist direkt auf die altnordische Totengöttin Hel und das Absteigen in die Unterwelt als zentrale Chiffre magischer Selbsterkenntnis. Fries nutzt den Mythos um den Allvater Odin, der sich neun Nächte lang am Weltenbaum Yggdrasil opferte, um die Runen zu ergreifen, als Schablone für den initiatorischen Prozess des modernen Praktikers. Dieser Akt stellt kein theologisches Dogma dar, sondern beschreibt einen Zustand kontrollierter Ekstase, in dem der Intellekt die Kontrolle an das somatische Gedächtnis abtritt. Die Hel verkörpert dabei das Verdrängte, Verborgene und Ruhende der eigenen Psyche. Wer die Runen verstehen will, muss nach Fries’ Auffassung zuerst den Abstieg in diese individuelle Schattenwelt wagen, um dort die rohen Schattenkräfte zu konfrontieren und zu integrieren.

Trance, Bewegung und die Logik des Sigillenzaubers

Das methodische Herzstück der Schrift liegt in der Synthese von Runenarbeit mit den Techniken des britischen Magiers Austin Osman Spare. Fries verwirft den bloßen akademischen Intellektualismus zugunsten von Atemtechnik, Tanz, Autogenem Training und körperlichen Erschöpfungszuständen. Die einzelnen Zeichen des 24-teiligen älteren Futhark – von Fehu bis Othala – fungieren als Sigillen, die durch körperliche Posen (Stadhagaldr) und stimmliche Intonation (Galdr) in das Nervensystem eingewebt werden.

Das Bewusstsein überspringt den rationalen Filter, während die bildhafte und rhythmische Energie der altnordischen Zaubersprüche direkt auf die tiefen Schichten der Psyche einwirkt. Fries demonstriert diese Dynamik anhand historischer Parallelen aus dem Hávamál und zeigt auf, wie aus reinem Sprachmaterial wirkmächtige seelische Werkzeuge entstehen.

Widerlegung des neuheidnischen Chauvinismus

Ein entscheidender Verdienst der Untersuchung liegt in ihrer kompromisslosen Absage an völkische, rassistische oder neoromanische Umdeutungen des germanischen Erbes, wie sie seit dem späten 19. Jahrhundert durch Vertreter der Ariosophie verbreitet wurden. Fries führt mit philologischer Akribie und einem unbestechlichen Blick für historische Fakten vor Augen, wie stark die skandinavische und angelsächsische Magie von interkulturellem Austausch, schamanischen Einflüssen der Samen und mediterraner Spätantike geprägt war.

Der Autor widerlegt den Mythos einer angeblich reinrassigen Tradition und ersetzt ihn durch das Bild eines offenen, synchronischen Bricolage-Systems. Das Werk behauptet dadurch seinen Rang als eine der erfrischendsten, undogmatischsten Interpretationen der nordischen Geisteswelt in der modernen Esoterikforschung.