Visuelle Magie – Buchcover

Visuelle Magie

Ein Handbuch für Freistil-Schamanen

1992
Originaltitel: „Visual Magick“
„Trance ist der Boden, auf dem die Blume der Magie wächst. Ohne Ekstase bleibt alles nur trockene Theorie.“
'One of the best books on magick I have read in a long while.' Phil Hine in Pagan News
'A practical modern grimoire.' The Cauldron
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Werk und Inhalt

Die Befreiung der zeichnenden Hand

Das Werk begreift die Bildfindung als einen tranceartigen Vorgang, bei dem die Grenze zwischen dem Sehenden und dem Gesehenen in der zeichnerischen Geste aufgehoben wird.

Das Erbe der automatischen Zeichnung

Jan Fries knüpft mit seinem 1992 erstmals erschienenen Traktat „Visuelle Magie“ an die radikalen Experimente des frühen zwanzigsten Jahrhunderts an. Er steht in der unmittelbaren Nachfolge von Austin Osman Spare, jenem englischen Maler, der die Technik des automatischen Zeichnens aus den okkultenOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. Zirkeln des Golden Dawn in die Freiheit des Unbewussten führte. Wo Spare jedoch im hermetischenDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. Dunkel verblieb, öffnet Fries das System für eine anthropologische Betrachtung. Er sieht in der Linie nicht nur ein grafisches Mittel, sondern eine Spur der Besessenheit, die den Geist mit archaischen Schichten verbindet.

Das geistige Ökosystem der Postmoderne

Man versteht die „Visuelle Magie“ nur vor dem Hintergrund der Chaosmagie, die sich Ende des letzten Jahrhunderts von den staubigen Dogmen der rituellen Zauberei befreite. Fries ist ein Zeitgenosse von Phil Hine und Peter Carroll, doch seine Wurzeln reichen tiefer in die europäische Geistesgeschichte. Er verbindet die spielerische Respektlosigkeit der Moderne mit der Ernsthaftigkeit der antiken Ekstase-Techniken. Es ist ein Versuch, das Magische jenseits von Glaubenssätzen als eine rein funktionale Psychotechnik zu begreifen, die auf der individuellen Erfahrung fußt.

Die Technik des Sigillenzeichnens

Zentral für das Werk ist die methodische Weiterentwicklung der Sigillenmagie. Fries erläutert den Prozess der grafischen Reduktion eines Wunsches, bis nur noch eine abstrakte Glyphe übrig bleibt. Als operatives Kernpostulat seines Systems gilt das unbedingte Erreichen einer radikalen Bewusstseinsleere während der Ladung dieser Zeichen: Er nutzt hierfür den Begriff der Gnosis – einen Zustand der einpunktigen Konzentration oder des ekstatischen Trance-Moments, in dem die kritische Zensur des Verstandes vollständig aussetzt. Die Sigille fungiert dabei als ein energetisches Samenkorn, das tief im Unbewussten keimt.

Das Prinzip des Seidr und der schamanischen Trance

Fries integriert Elemente des nordischen Schamanismus, den er als Seidr bezeichnet, in seine Praxislehre. Er blickt dabei auf die altnordischen Sagas und die Praktiken der Völva zurück, jener Seherinnen, die durch Rhythmus und Gesang in andere Welten reisten. Ein wesentlicher Fachbegriff ist bei ihm das Zittern oder Schütteln als Einleitung des magischen Zustands. Er begreift den Körper als ein resonanzfähiges Instrument, das durch physische Reize in eine Schwingung versetzt wird, die den Zugang zu tieferen Bewusstseinsschichten ermöglicht.

Die lebendige Präsenz der Runen

Die Runen werden in der „Visuelle Magie“ nicht als statische Buchstaben eines Alphabets behandelt, sondern als fließende Kraftfelder. Fries lehrt die Runengymnastik und das Tönen der Zeichen, wobei er sich auf die Forschungen von Friedrich Bernhard Marby bezieht, ohne dessen ideologische Verirrungen zu übernehmen. Er betrachtet die Runen als Haltungen des menschlichen Körpers und des Geistes. Die visuelle Erfassung einer Rune geschieht bei ihm durch das Nachfahren ihrer inneren Dynamik, bis das Zeichen im Auge des Betrachters zu leben beginnt.

Die Psychologie der Besessenheit

Ein bemerkenswerter Aspekt des Werkes ist die unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Besessenheit. Fries knüpft an die Beobachtungen des Ethnologen I. M. Lewis an und betrachtet den Trance-Zustand als ein Ventil für die menschliche Psyche. Er beschreibt die Kommunikation mit Geistern oder Atavismen als einen Dialog mit abgespaltenen Persönlichkeitsanteilen. Die visuelle Magie dient dazu, diese inneren Bilder zu evozieren und ihnen durch die Kunst eine Form zu geben, die ihre Integration in das Alltagsbewusstsein erlaubt.

Die Natur als Spiegel der Imagination

Fries fordert den Praktizierenden auf, die Natur als ein lebendiges Feld von Signaturen zu lesen. Er greift damit die barocke Vorstellung der Signatura Rerum auf, wie sie Jacob Böhme formulierte. In der „Visuelle Magie“ wird das Betrachten eines Astes oder der Rinde eines Baumes zu einer meditativen Übung, bei der das Auge lernt, die verborgenen Gesichter und Formen in der Umwelt zu erkennen. Diese Form der Wahrnehmungsschulung ist bei Fries der erste Schritt zur inneren Transformation, da sie die Trennung zwischen Subjekt und Objekt langsam auflöst.

Das Vermächtnis des zeichnenden Praktikers

Jan Fries hat mit diesem Werk ein Kulturgut geschaffen, das die Ernsthaftigkeit des Schamanismus mit dem Humor der ChaosmagieChaosmagie ist ein postmoderner magischer Ansatz, der den Glauben selbst als Werkzeug begreift. Sie bricht die starren Dogmen traditioneller Systeme auf und nutzt eklektisch beliebige Symbole, Glaubenssätze oder Techniken, um durch den Zustand der Gnosis – eine Phase der bewussten Leere oder intensiven Konzentration – die eigene Realität formbar zu machen. versöhnt. Er betrachtet die Magie als ein Handwerk der Einbildungskraft, das keine prunkvollen Tempel, sondern nur Papier, Stift und die Bereitschaft zum Grenzgang erfordert. „Visuelle Magie“ ist ein Plädoyer für die Macht des Bildes und die Fähigkeit des Menschen, seine eigene Realität durch die Kraft der Vision und der Linie neu zu erschaffen. Das Buch steht als Mahnmal gegen die geistige Erstarrung in einer Bibliothek der lebendigen Erfahrung.